• Melanie Widmer

Wenn ich schreie, bekomme ich Aufmerksamkeit

Wir sitzen auf der Terrasse und geniessen die ersten sommerlichen Temperaturen des Jahres. Wir kommen auf ein Video zu sprechen, dass via WhatsApp verschickt wurde. In diesem Video sieht man ein etwa 1-jähriges Baby in einem Babystuhl sitzen. Vor ihm steht eine Flasche Bier. Das Baby lächelt die Flasche an … hahaha … oh wie süss! Jemand nimmt die Flasche weg und das Baby beginnt zu weinen. Der Mensch hinter der Handykamera findet das lustig und jemand stellt die Flasche wieder vor das Baby. Was alle erwarten, stellt sich ein: Das Baby ist wieder happy! Diese Szene wird mehrmals wiederholt und man sieht deutlich, dass das Baby immer verunsicherter und unglücklicher wird. Gegen Ende des ach so lustigen Videos scheint sich allerdings die Freude des Babys nicht mehr so ganz «automatisch» einzustellen.


Ehrlicherweise konnte ich dieses Video bereits nach dem ersten Entzug der Flasche kaum mehr weiterschauen und es schrillte umgehend «Doublebind» in meinen Kopf! Vielleicht bin ich da manchmal ein bisschen extrem, aber bitte! Es kann doch nicht sein, dass man sich einen Spass daraus macht, einen Schwächeren zu plagen, im konkreten Fall einen Säugling. Aber aus irgendeinem Grund scheint es besonders amüsant zu sein, die Reaktion von Babys und Kleinkindern zu steuern.


Mein Gegenüber findet, die Eltern würden ja vom Baby auch irgendwie genötigt. Es schreie und gebe einem das Gefühl, sofort rennen und handeln zu müssen! Ich bin mit dieser Aussage überhaupt nicht einverstanden. Wenn ich mir vorstelle, ich liege oder sitze irgendwo und es wird nur auf mich reagiert, wenn ich schreie – was bleibt mir dann anderes übrig? Ich kann ja noch nix, mir nicht mal eine Fliege aus dem Gesicht verjagen … Ich bin doch völlig hilflos.


Übersetzen wir das lustige Video mal aufs Erwachsenen- und Geschäftsleben: Werde ich nur gehört, wenn ich schreie? Welche Anstrengungen muss ich aufwenden, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Und zwar nicht die, die im monatlichen Zeitplan terminiert sind, sondern all die zusätzliche Energie, die ich aufbringe, damit meine Anliegen als Person wahr- und ernstgenommen werden? Nütze ich meine Machtposition aus? Wie gehe ich mit meiner "Macht" um? Gefällt es mir, wenn andere von mir abhängig sind?


bis bald wieder

Melanie Widmer