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Der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Führungskräften liegt nicht nur im Geschlecht. Ich habe selbst Erfahrung als Führungskraft und möchte hier ganz klar sagen, dass ich mich bisher in keiner Situation benachteiligt oder irgendwie anders behandelt fühlte. Was mir allerdings auffällt, ist, dass die Gesellschaft Führungskräfte völlig unterschiedlich wahrnimmt.


Stellen Sie sich ein Interview* in einem belebten Raum vor. Ein junger Politiker, mit 27 Jahren soeben gewählt, wird im Interview, das auf die Ehrung folgt, auf seine Lebensumstände angesprochen: «Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg! (…) Sie sind vor wenigen Wochen das erste Mal Vater geworden, meinen Glückwunsch nachträglich. Würden Sie sagen, dass Ihnen Ihre Vaterschaft zusätzlich Energie für die Wahlen gegeben hat?»


Gleiche Szene, anderes Geschlecht. Eine junge Politikerin wurde mit ebenfalls 27 Jahren soeben gewählt, und nach der Ehrung kommt im Interview in aller Selbstverständlichkeit ihr Privatleben zur Sprache: «Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg! (…) Sie sind vor wenigen Wochen das erste Mal Mutter geworden, meinen Glückwunsch nachträglich. Sie werden jetzt viel unterwegs sein und die kommende Zeit wird anstrengend. Wie haben Sie die Kinderbetreuung organisiert?»


Weshalb wird der Vater nicht nach der Betreuung der Kinder gefragt? Ist es «normal», dass er das nicht organisieren muss? Ist es tatsächlich immer noch so, dass herkömmliche Geschlechterrollen so stark verankert sind?


Herzlichst,

Melanie Widmer


* Dieses Interview sah ich vor einigen Jahren auf einem Schweizer Fernsehsender.